Ich habe mir vorgenommen, eine Art Artikelserie unter dem Namen „Anekdoten aus dem Alltag“ zu beginnen. Hier sollen meine persönlichen Erlebnisse, von denen ich glaube, dass sie für unsere Leser interessant sein könnten, in unregelmäßigen Abständen zusammengefasst werden (und sollten sie doch langweilig sein, auch egal. Hauptsache ich habe eine Freizeitbeschäftigung). Vielleicht findet auch der eine oder andere IG-Autor die Muse, seine Gedankengänge zum Alltagsgeschehen beizusteuern.
Es geht hier weniger um den Blick auf identitäre Theorie, sondern mehr um den konkreten und persönlichen Bezug zum Leben in unserer heutigen Gesellschaft. Diese Serie handelt also von dem, was uns alltäglich passiert; ob nun humorvoll oder ernst vorgebracht, ob die kleinen oder großen Dinge unseres Daseins behandelt werden, das ist grundsätzlich egal. Als ich letztens den Artikel von Raul Jaulbein (hier) gelesen habe, erinnerte ich mich schlagartig an zwei kleine Ereignisse, die mir noch gut im Gedächtnis geblieben sind, und die in diesem Zusammenhang eine gewisse Bedeutung für mich besitzen:
Vor etwa zwei Monaten stieg ich am Heimweg in den Bus ein. Es saßen knapp 15 junge Leute darin. Das ist natürlich nichts Ungewöhnliches und an sich nicht der Rede wert. Als ich bis nach hinten blicke, um zu entscheiden, wo ich mich nun hinsetzen werde, ist mir aber aufgefallen, dass wirklich jeder einzelne Mensch in diesem Bus den Blick nach unten auf sein Smartphone gerichtet hatte. Ich setzte mich ganze vorne auf einen Platz und beobachtete dieses Szenario eine Weile. Da saßen nun lauter junge Leute, tippten und starrten vertieft auf ihr Handy. Plötzlich fiel einer jungen Frau die Tasche hinunter. Für einen kurzen Moment waren die Businsassen aus ihrer virtuellen Welt zurück in die Realität geholt worden. Sie blickten auf, sahen sich kurz um, um sich dann wieder ihrem Smartphone zu widmen. Es ist natürlich angenehm mit dem Handy: Man kann an jedem Ort (zumindest wo es Empfang gibt) die neuesten Meldungen lesen und sich mit der gesamten Welt vernetzen. Alles läuft praktisch gleichzeitig ab. Man ist quasi immer „up-to-date“. Tagesmeldungen, Statusnachrichten, Videos, Bilder, alles, was man gerade braucht, kann man jederzeit konsumieren, um sich die Zeit zu vertreiben. Möglicherweise – diese Befürchtung hege ich allerdings – bleibt das kritische Reflektieren dabei auf der Strecke. Man klickt sich solange durch die virtuelle Nachrichtenwelt, bis man eben sein Reiseziel erreicht hat, die Vorlesung/Arbeit beginnt oder der Freund endlich am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Dann ist der „Informationskonsum“ beendet, ein längeres und kritisches Nachdenken findet wohl meistens nicht mehr statt. Man erschafft sich dafür in sozialen Netzwerken eine eigene virtuelle Identität, zeigt sich so, wie man das im realen Leben vielleicht nicht tun kann oder möchte. Es werden dabei eigene, neue Realitäten geschaffen.
Eine Haltestelle weiter stiegen zwei in etwa 16 jährige Schüler ein und setzten sich zu mir. Sie unterhielten sich kurz über den nervigen Schultag und holten dann auch recht rasch ihre Handy heraus, um die Neuigkeiten auf Facebook „zu checken“. Das Gespräch drehte sich dann folglich nur mehr um vollkommen triviale Dinge auf Facebook: Wer bei wem „geliket“ hat und wer welches Foto vor ein paar Stunden hochgeladen hat. Nachdenklich wurde ich, als mir aufgefallen ist, dass sie auch die typische Chatsprache in der normalen Unterhaltung verwendeten. Da fielen plötzlich „lol“, „rofl“ und „by the way(btw)“. Ich weiß nicht, ob solche Ausdrücke nun besonders hip sind, aber es scheint mir doch so zu sein, dass die Ausdrucksweise mittlerweile immer mehr verkümmert. Es geht dabei gar nicht darum, dass man einen besonders schönen lyrischen Sprachstil verwenden muss; allerdings sollte der Wortschatz doch mehr zu bieten haben als „lol“ und „rofl“, wenn man wie in diesem Fall etwas besonders lustig oder unterhaltsam findet.
Die zweite Anekdote ereignete sich in einer Germanistikvorlesung und steht – so denke ich – für sich. Der Professor war ein paar Minuten früher im Hörsaal und wartete auf den Beginn. Hier saßen nun allerhand Studenten und vertrieben sich die Zeit. Ich las gerade Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“, als der Professor die Vorlesungseinheit eröffnete:“Immer weniger Studenten lesen, und das bei einer Studienrichtung wie Germanistik. Ich sehe hier alle an ihrem Smartphone tippen, aber nur einen Kommilitonen mit einem Buch in der Hand…“