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Bei dem Bild handelt es sich um eine bearbeitete Version des Photos geschossen von Roberto Stuckert Filho, für die Agência Brasil, http://agenciabrasil.ebc.com.br/sites/_agenciabrasil/files/gallery_assist/27/gallery_assist716444/TUK0098-Edit.jpg Das Bild wurde 2013 während des Treffens von Papst Franziskus mit der brasilianischen Präsidentin geschossen und steht unter Creative Commons BY 3.0 br Lizenz
Bei dem Bild handelt es sich um eine bearbeitete Version des Photos geschossen von Roberto Stuckert Filho, für die Agência Brasil, http://agenciabrasil.ebc.com.br/sites/_agenciabrasil/files/gallery_assist/27/gallery_assist716444/TUK0098-Edit.jpg Das Bild wurde 2013 während des Treffens von Papst Franziskus mit der brasilianischen Präsidentin geschossen und steht unter Creative Commons BY 3.0 br Lizenz

Der »identitäre« Papst?

Papst Franziskus hebt sich positiv durch seine Schlichtheit und Volksnähe von anderen Päpsten der Vergangenheit ab. In seiner ersten Enzyklika Laudatio si prangert er nun Umweltzerstörung, Klimawandel und Konsumrausch an. Damit wendet er sich nicht nur an seine Schäfchen, sondern nimmt ein breites Publikum in die Pflicht. Interessant auch deshalb, weil »identitäre« Themen in der neuen Papst-Enzyklika Beachtung finden.

Vorbei scheint die Zeit von Macht euch die Erde untertan. Der neue Papst stellt die Frage, in welcher Art von Welt wir leben wollen und was wir unseren Kindern hinterlassen möchten (Nr. 160 im Originaltext). Er spricht über die Sorge für das gemeinsame Haus – unserer Erde. Technokratie und exzessive Selbstbezogenheit des Menschen werden von ihm klar als die Wurzel der weltweiten Probleme benannt und gleichzeitig erkennt Franziskus die Notwendigkeit, menschliche und soziale Dimensionen bei der Lösung der globalen Herausforderungen miteinzubeziehen. Nur so ließen sich die globalen Herausforderungen lösen (Punkt 137). Auch Kritik an neuen Machtmodellen, die aus den Möglichkeiten moderner Technik hervorgehen, wird deutlich von Papst Franziskus in seiner Enzyklika formuliert. Noch spannender sind aus identitärer Sicht allerdings die Aussagen über die Wichtigkeit der kulturellen Vielfalt der Völker.

In Punkt 144 heißt es:

Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.

Im Großen Austausch geht kulturelle Vielfalt in Gleichförmigkeit auf. Etablierte Eliten wollen auf Grund wirtschaftlicher Interessen ihre Utopie umgesetzt wissen. Auf allen Kanälen und in allen Zeitungen wird die Idee des multikulturellen Staates hochgelobt und die daraus entstehenden Konfliktherde ignoriert. Mit aller Gewalt wird die schöne neue Welt aufgebaut. Eliten wollen Dollar und Euro rollen sehen und erkaufen sich ihren Umsatz durch tausende Tote im Mittelmeer und zunehmende Spannungen in Europa. Konflikte und Krisen werden bewusst in Kauf genommen und die kulturelle Vielfalt der Völker wird dabei vorsätzlich zerstört. Identität soll Utopie und Kaufkraft weichen. Der wahre Schatz der Menschheit aber, besteht in der Vielfalt der Traditionen und Kulturen.

In natürlich gewachsenen und (unbewusst) ausgehandelten Wertesystemen finden Völker und deren Angehörige Orientierung und Rückhalt in schwierigen Lebenssituationen. Nicht umsonst weist die UNESCO in ihrer Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt auf die Wichtigkeit der Kulturen hin und zählt sie zu den besten Garanten für internationalen Frieden und Sicherheit. Eine multikulturelle Gesellschaft lebt keine Vielfalt, sondern ihre Eliten zelebrieren kulturellen Einheitsbrei. Über Jahrhunderte hat sich Europa im interkulturellen Austausch belebt und befruchtet. Dieser Vorgang fand aufgrund verschiedenster Bedürfnisse und Notwendigkeiten statt – und ist aus gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung natürlich gewachsen. Der jetzige Vorgang des Großen Austauschs ist ein von etablierten Eliten – von oben – initiierter Vorgang, der Europas Kulturen aus dem Gleichgewicht wirft.

Franziskus führt weiter aus:

Deshalb führt das Bestreben, alle Schwierigkeiten durch einheitliche gesetzliche Regelungen oder technische Eingriffe zu lösen, dazu, die Vielschichtigkeit der örtlichen Problematiken zu übersehen, die ein aktives Einschreiten der Bewohner notwendig machen. Die neuen in Entwicklung befindlichen Prozesse können nicht immer in Schemata eingefügt werden, die von außen festgelegt werden. Sie müssen vielmehr aus der eigenen lokalen Kultur erwachsen. Weil das Leben und die Welt dynamisch sind, muss auch die Weise, wie man für die Dinge Sorge trägt, flexibel und dynamisch sein.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Institutionen zu Themen wie Umweltschutz, Welthandel oder Migration herausgebildet und sind beim Versuch des vollständigen Verstehens der verschiedenen Kulturen an ihre Grenzen gestoßen. Die „Demokratisierungsversuche“ der USA und die Folgen für die betroffenen Länder sind hinlänglich bekannt. Nur in den seltensten Fällen haben sich die Vorstellungen der Vereinigten Staaten in den „befreiten“ Ländern durchgesetzt. Dies liegt einerseits sicher auch daran, dass die USA nie wirklich eine nachhaltige Demokratisierung im Sinne hatten.

Andereseits gibt es eine große Kluft zwischen westlichem demokratischen Verständnis und anderen kulturellen Auffassungen davon, wie ein Staat zu organisieren ist. Die Gewohnheiten eines Volkes verändern sich nicht innerhalb weniger Tage oder Wochen. Was auch immer man von der Vorgehensweise der USA in anderen Ländern halten mag; die daraus gewonnenen Erfahrungen lassen den Schluss zu, dass Papst Franzikus mit seinem Vorschlag, die Probleme „von innen“ heraus zu lösen, richtig liegt. Selbst die UNESCO betrachtet kulturelle Vielfalt als Quelle des Austausches, der Erneuerung und der Kreativität. Sie ist für den Menschen ebenso wichtig wie biologische Vielfalt es für die Natur ist und stellt in ihrer Gesamtheit – so die Allgemeine Erklärung – das gemeinsame Erbe der Menschheit dar.

Der Papst weiter:

Es ist nötig, sich die Perspektive der Rechte der Völker und der Kulturen anzueignen, und auf diese Weise zu verstehen, dass die Entwicklung einer sozialen Gruppe einen historischen Prozess im Innern eines bestimmten kulturellen Zusammenhangs voraussetzt und dabei verlangt, dass die lokalen sozialen Akteure ausgehend von ihrer eigenen Kultur ständig ihren zentralen Part übernehmen. Nicht einmal den Grundbegriff der Lebensqualität kann man vorschreiben, sondern muss ihn aus dem Innern der Welt der Symbole und Gewohnheiten, die einer bestimmten Menschengruppe eigen sind, verstehen.

Geschichte und Entwicklung einer Kultur sind immer etwas Einzigartiges. Daher sind die enstprechenden Entwicklungen anderer Völker von außen überhaupt nur schwer nachzuvollziehen. Letztlich ist uns nur ein annäherndes Verstehen möglich und das subjektive Moment nie überwindbar. Das, was Menschen als gut oder schlecht beurteilen, hängt von den jeweiligen kulturellen Traditionen und Sichtweisen ab. Jedes Volk hat daher auch ein anderes Verständnis von Lebensqualität.

Antworten auf viele verschiedene Herausforderungen zu finden ist keine leichte Aufgabe. Ein allgemeingültiges und einheitliches (also ein universalistisches) System über alle Völker und Kulturen der Erde zu stülpen, stellt auf den ersten Blick eine verlockende Möglichkeit dar, um Problemen zu begegnen. Diese Eine Welt, von der Multikulti-Utopisten träumen, existiert allerdings nur in ihren Köpfen. Sie ist ein (Alb-)Traum, der Leid über Völker und Menschen bringt. Wenn wir uns als Menschen den realen Herausforderung vor Ort stellen und diese Herausforderung individuell und jeder Kultur entsprechend lösen, dann – und erst dann – kommen wir der heilen Welt einen Schritt näher. Bei seinem Besuch in Sarajevo mahnte der Papst die bewusst herbeigeführte Konfrontation der Kulturen an:

„Es ist eine Art dritter Weltkrieg, der stückweise geführt wird, und im Bereich der globalen Kommunikation nimmt man ein Klima des Krieges wahr.“ Einige Menschen wollten dieses Klima absichtlich schüren und suchten den Zusammenstoß verschiedener Kulturen“.

Fast könnte man meinen, der identitäre Geist sei in Form einer Taube über den Vatikan gekommen und breite nun dort seine metapolitischen Schwingen aus. Die Welt wäre aber nicht die Welt, wie wir sie kennen, wenn es nicht doch einen Haken bei einer vermeintlich guten Sache gäbe: Bei einem seiner Besuche im Europaparlament in Straßburg, scheint der identitäre Geist von Papst Franzikus abgelassen zu haben. Europa sei, einer Großmutter gleich, nicht mehr fruchtbar und lebendig. Daher begreift der Papst die Begegnung mit den Flüchtlingen, diesen Armen und Hoffnungslosen, als große Chance für den alternden Kontinent. Im ehrlichen und neugierigen Austausch mit dem Fremden, dem Neuen und Unbekannten lägen historische Perspektiven, die eine große Stärke Europas ausmache. Frisches Blut aus Afrika für das altersschwache Europa. Hier klingt der Papst gar nicht mehr identitär; hier redet er dem Großen Austausch nach dem Mund. Das Europaparlament applaudierte erwartungsgemäß fleißig.

Vom Papst wird immer wieder mehr Solidarität Flüchtlingen gegenüber gefordert. Das Mittelmeer dürfe zu keinem Friedhof werden und die Menschen, die täglich in Kähnen an Europas Küsten landen, bräuchten Aufnahme und Hilfe. Nicht zum ersten Mal redete der Papst Europa wegen der Flüchtlingssituation ins Gewissen. Doch es gibt nur einen Staat in Europa, der bisher keinen einzigen Flüchtling aufgenommen hat: der Vatikan selbst. Hier gibt es weder Asylrecht, noch eine Anlaufstelle für Asylsuchende. Hier bleibt man offenbar lieber unter sich.

Dennoch ist die klare Kommunikation der globalen Herausforderungen und die Anerkennung der Wichtigkeit kultureller Identität in der Enzyklika des Papstes interessant. Für eine global agierende Organisation, wie die Römisch-katholische Kirche eine ist, ist das keine Selbstverständlichkeit. Selbst wenn in der Katholischen Kirche gesellschaftspolitisch noch einiges aufzuarbeiten ist, ist die klare Äußerung zu bestimmten Themen auf jeden Fall als Schritt in die richtige Richtung anzuerkennen. Dennoch liegen noch Welten zwischen der geschriebenen und gelebten Welt des Papstes. Doch Papier ist geduldig – vielleicht entfaltet Metapolitik eines Tages selbst im Vatikan ihr ganzes Potential. In der Zwischenzeit tragen wir sie auf die Straße.

Weiterführende Verweise:

Enzyklika bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Enzyklika

Laudatio si bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Laudato_si

Originaltext der Enzyklika: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/2015-06-18-Enzyklika-Laudato-si-DE.pdf

UNESCO Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt: http://www.unesco.at/kultur/basisdokumente/deklaration_kulturelle_vielfalt.pdf

 

Ende des Wachstums Enzyklika Laudatio si Globalisierung Konsumkritik Papst Franziskus UNESCO Vatikan

Über Siegfried W.

Siegfried W.
Studium der Philosophie und Religionswissenschaften. Mitglied der IB-Steiermark.

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